Mein Name ist Emma Rosenberg, ich bin 20 Jahre alt und absolviere momentan einen „weltwärts“ Freiwilligendienst bei „Vizion OJF“ in Tirana, Albaniens Hauptstadt.

Mein Arbeitsalltag findet zum größten Teil in Tirana selbst statt, wo ich gemeinsam mit meinen Mitfreiwilligen Daniel und Chiara im „HARE-Zentrum“ die Nachmittagsbetreuung für Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren gestalte. Einmal in der Woche begibt sich eine:r von uns dreien auf eine anderthalbstündige Busfahrt nach Rreshen, eine Kleinstadt im Norden Albaniens.

Nachdem der Bus sich an diesen „Rreshen Tagen“ durch den stockenden und trubeligen Verkehr in und um Tirana herum manövriert hat und wir längere Zeit einigermaßen fließend gefahren sind, wird schon nach den ersten Metern abseits der Hauptstraße klar, dass wir uns nun in einem sehr ländlichen Teil des Landes befinden, in dem Berge, Hügel und Flüsse ein Hindernis für die Fortbewegung darstellen. Durch Brücken über den zu dieser Zeit sehr reißenden Fluss wird ein solches Hindernis zwar zu überwinden versucht, doch die Brücken wirken eher provisorisch oder in die Jahre gekommen.

Wenn wir dann einmal in Rreshen angekommen sind und der rote Kleinbus gegenüber der Kirche hält, führt uns ein kurzer Weg direkt zum „PAM-Zentrum“. Ein Ort für Kinder aus Rreshen und der Umgebung, in dem sie miteinander spielen können, sich austauschen und vor allem Hilfe bei dem Bewältigen ihrer täglichen Hausaufgaben finden. Wir als Freiwillige unterstützen die drei Lehrerinnen daher primär bei der Hausaufgabenhilfe, stellen aber auch einfach einen weiteren Gesprächspartner dar.    Die Kommunikation gestaltet sich jedoch des Öfteren als kleine Herausforderung, da die Kinder nur sehr sporadisch Englisch sprechen und wir wiederum kaum Albanisch verstehen. Daher müssen wir auch dort immer ein bisschen kreativ werden, um solche Sprachbarrieren zu überwinden.

Die Arbeit im „PAM-Zentrum“ wird von „Vizion“ und „Projekt Albanien“ gefördert, wobei die Unterstützung in Rreshen nicht nur im Erhalt des „PAM-Zentrums“ besteht, sondern auch in der regelmäßigen Verteilung von Versorgungspaketen an Familien in der Region.

So durfte ich im Dezember letzten Jahres gemeinsam mit Suela und Marsela, meinen Chefinnen bei „Vizion“, sowie Sabine von „Projekt Albanien“ Teil der Verteilungsaktion sein. Die Tage begonnen beide zunächst in einem Café am Rande Rreshens, in dem genügenden Platz für das Packen und Verstauen der Pakete blieb. Dort wurden Grundnahrungsmittel wie Nudeln und Reis entsprechend der Anzahl der Familienmitglieder zugeordnet, eingepackt und später gemeinsam mit einem großen Sack Mehl in Autos verstaut.

Nur kurz half ich den dort arbeitenden Frauen bei dem Verpacken, denn es hieß, dass die Fahrt zu der Familie, für die das Paket vorgesehen war, mehr als eine Stunde dauern sollte, weswegen wir früher aufbrechen mussten.

Auch wenn ich mich schon auf eine holprige „Off-Road“ Fahrt gefasst machte, schockierten mich die tatsächlichen Ausmaße des Straßenzustands jedoch trotzdem sehr.

Zunächst fuhren wir eine kurvige Bergstraße hoch, auf der ein Teil des asphaltierten Untergrunds wegen starker Regenfälle zuvor einfach den Abhang heruntergestürzt war. Während Suela das Auto anfangs noch ziemlich selbstsicher über die Straße und durch eine ganze Schafherde lenkte, wurde der Weg mit der Zeit immer matschiger und uneindeutiger und wir befürchteten schließlich alle, dort im gefühlten Nirgendwo stecken zu bleiben.

Irgendwie gelang es dann doch, bis kurz vor unser Ziel zu fahren und unterhalb des Weges lag ein kleines Haus vor uns. Wir wurden direkt zu Beginn herzlich von der Familie, die in diesem Haus wohnt, begrüßt und sie halfen dabei, die Pakete zu tragen.

Im Haus angekommen warteten drei schüchterne Kinder, zwei kleine Zwillinge und ihr etwas älterer Bruder, mit großen Augen auf uns. Sie leben dort gemeinsam mit zwei Senioren und ihrer Mutter, der Vater hat die Familie verlassen. Für mich war es unfassbar bedrückend zu sehen, in welch prekären Lebensstandards diese drei Kinder aufwachsen. Die Wände waren kahl, die Räume dunkel und ein Feuer im Ofen war die einzige Wärmequelle.

Gemeinsam mit den Kindern setzten wir uns ins Wohnzimmer und während sich die Erwachsenen auf Albanisch unterhielten, spielten die Kinder mit einem Überraschungsei, das Sabine ihnen mitgebracht hatte. Ich setzte mich neben die Kinder auf den Boden, um ihnen bei dem wirklich wenig kindergerechten Aufbau des Überraschungsei Spielzeugs zu helfen. Sofort kam die ältere Frau zu mir gelaufen, um mir einen Stuhl anzubieten. Ich empfand diese Gastfreundschaft und die offenkundige Dankbarkeit, die irgendwie spürbar im Raum lag, obwohl ich die gesprochenen Worte nicht verstehen konnte, auf der einen Seite als total schön und bewegend. Gleichzeitig hat diese Situation auch großes Unbehagen in mir ausgelöst. Für mich war es unangenehm, dass mir ein Stuhl gebracht wurde, während die Familie selbst vermutlich meistens auf dem Boden sitzt. Denn ich selbst habe schließlich quasi keinen Beitrag zur Verbesserung ihrer Lebenslage geleistet. Für mich war dieser Besuch ein kleiner Schritt aus meiner Blase, meiner Komfortzone, für diese Familie war dieser Besuch vermutlich der Erste seit Langem. Die Grundnahrungsmittel, die für mich vollkommen selbstverständlich und immer zugänglich sind, sind für diese Familie eine große Hilfe, um die kalten Wintermonate zu überstehen.

Und trotzdem ist dadurch noch niemand gerettet. Trotzdem fehlt der Familie noch immer die Möglichkeit richtig zu heizen, trotzdem leben sie noch viel zu weit vom nächsten Dorf entfernt und trotzdem kann der ältere Junge höchstens zweimal in der Woche in die Schule gehen, weil sein Schulweg zu weit oder unpassierbar ist.

Das sind Tatsachen, die mich vor allem verzweifelt fühlen lassen, denn obwohl die Versorgungsaktion eine wichtige und notwendige Hilfestellung ist, werden dadurch solch tiefgreifende Missstände und unübersehbare Ungerechtigkeiten nicht gelöst.

So ließ ich die Familie mit gemischten Gefühlen zurück: auf der einen Seite die Freude über die herzliche Begegnung, auf der anderen das Gefühl von Hilflosigkeit und Teilnahmslosigkeit und dass diese Kinder, diese Familie so viel mehr verdient hätte als diesen einen Besuch.

Ähnliche Gedanken müssen auch in Suelas Kopf gekreist sein, denn sie fragt auf der Rückfahrt mehr zu sich selbst als zu uns: „was kann ich noch für diese Familie tun?“ Obwohl sie durch ihr Wirken für „Vizion“ so häufig mit Armut und den Lebensnöten von Familien in ganz Albanien konfrontiert ist, beschäftigt sie das Schicksal dieser Familie im Nachhinein noch ersichtlich. Im Gespräch sagt sie den Satz: „They are not poor, they are living in mysery“, der auch mir so im Gedächtnis geblieben ist. Denn wenn ich am Ende des Tages hätte benennen müssen, was mich am meisten schockierte, dann wäre es nicht nur die Armut, die sich im Zustand des Hauses zeigte, sondern vor allem die Isolation, in der die Familie lebt. Das nächste Dorf, also auch der nächstmögliche Zugang zu anderen Menschen liegt so fern von dem Haus dieser Familie, dass die Teilnahme an der Gesellschaft nahezu unmöglich erscheint. Das zeigt sich besonders tragisch in der Tatsache, dass der ältere Sohn nur so selten in die Schule gehen kann, sodass für ihn die Chancen auf einen Ausbruch aus dieser Lebensform von Beginn an ungerecht schlecht stehen.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir in der Grundschule einen Klassenausflug gemacht haben, um im Kino einen Film anzuschauen, in dem verschiedene Kinder primär aus Afrika bei ihrem Weg zur Schule begleitet wurden. Dabei mussten die Kinder allesamt erschreckend viel Zeit und Risiko in Kauf nehmen, und das „nur“, um in die Schule zu gehen. Für mich erschienen solche Geschichten eben wie Geschichten, irgendwie unvorstellbar und vor allem wahnsinnig weit weg.

Doch solch lange Schulwege sind die Lebensrealität von Kindern in Albanien, einem Land in Europa, das man von Deutschland aus in zwei Flugstunden erreichen kann. Mir persönlich war vor meinem Freiwilligendienst nicht klar, vor welchen Herausforderungen dieses Land steht und in welchen Umständen ein Großteil der Bevölkerung hier lebt.    Denn die großen infrastrukturellen Schwierigkeiten existieren eben nicht ausschließlich in ländlichen Gebieten wie Rreshen.

Obwohl die Hauptstadt Tirana an sich einen großen Kontrast zu der ländlichen Seite Albaniens darstellt, macht sich im immer stockenden, chaotischen Verkehr trotzdem bemerkbar, dass selbst hier die Fortbewegung nur schwierig und unstrukturiert von Statten geht. Doch zumindest gibt es asphaltierte Hauptstraßen und ein funktionierendes Busnetz, wovon in vielen Teilen des Landes nur zu träumen bleibt.

Das sind strukturelle Probleme, die zu grundsätzlichen Benachteiligungen führen und angesichts des einsamen Hauses, mitten in der Natur, isoliert „vom Rest der Welt“ unübersehbar bleiben. Denn dieser Schulweg, dieser Straßenzustand oder dieses Haus sind eben keine Ausnahme, die durch das Raster fällt, sondern viel mehr der Alltag vieler Menschen in einem Land, das ich in den letzten Monaten ebenso lieben lernen durfte.

Eine gute Woche nach dieser ersten eindrücklichen Erfahrung, begab ich mich erneut mit Suela und Marsela auf den Weg nach Rreshen, um weitere Familien mit Verpflegungspakten zu beliefern. Dieses Mal schafften wir anstelle einer Familie fünf verschiedene Familie. Fünf verschiedene Familien, das bedeutet fünf verschiedene Wohnsituationen und fünf ganz unterschiedliche Geschichten: eine Familie mit Kindern, die mitten in den Bergen in einem ungeheizten Zwei-Raum Haus lebt, ein altes Ehepaar, das im Zentrum Rreshens in einem Raum voll von Schimmel wohnt, eine Seniorin, die am Rande der Kleinstadt allein mit ihren Hühnern lebt, eine Mutter mit zwei Töchtern, die sich schon in jungem Alter um ihre drei kleineren Brüder kümmern. Besonders eindrücklich für mich war der Besuch bei einer Familie mit zwei Töchtern, von denen ich die Jüngere schon aus dem „PAM-Zentrum“ kenne, wo wir immer gemeinsam an ihren Englisch Aufgaben arbeiten. Das breite Grinsen, mit dem sie mich begrüßt hat, als ich aus dem Auto stieg, war besonders bewegend. Denn bei all den unterschiedlichen Lebensgeschichten bleibt die Dankbarkeit und Freude über den Besuch das verbindende Element.

So hatte ich das Gefühl, dass die Verteilung der Pakete nicht nur eine notwendige materielle Unterstützung bedeutete, sondern vor allem ein Gefühl des Da-Seins vermittelte. Auch wenn ich anfangs schon geschrieben habe, dass die Versorgungspakete allein zwar eine sehr wichtige Stütze, aber keine grundlegende Veränderung der Lebensumstände sind, glaube ich trotzdem, dass die Aktion zu einem großen Teil auch durch die Begegnungen, das Zuhören und das Gefühl von Teilhabe wirksam sind.

Ihre Emma Rosenberg